Deutsches Verbrauchervermögen soll über ein Volk von Aktionären gebildet werden. Marktwirtschaftliche Wege zu mehr Gerechtigkeit sollen von Aktiengesellschaften überzeugen.

Aktiengesellschaften werden seit 416 Jahren vom Erfolg getragen, der in Amsterdam begonnen hatte.  Grundlage war der holländische Gewürzhandel mit Indien. Diese wurden in Europa zur Verbesserung der Lebensqualität gefordert. In der Folge erhöhte sich mit dort bis dahin nicht bekannten, aber nun unabhängig von den Jahreszeiten geforderten Kräutern und Früchten die Lebenserwartung. Mit Schiffen konnte Fernost für Abenteurer erreicht werden. Deren Risiken konnten sie allein nicht tragen. Die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) gab Anteilsscheine aus, die berechtigten sich am Aufbau des Gewürzhandels zu beteiligen – mit den ersten Aktien. Kaufleute konnten sich mit beliebigen Beträgen beteiligen. Geld für die Schiffe wurde mit der Aufteilung von unternehmerischem Risiko und Ertrag geschaffen.

Aktiengesellschaft

Die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie wurde als erste deutsche Aktiengesellschaft am  17. März 1682 durch Edikt Friedrich Wilhelms, Kurfürst von Brandenburg, als Handelscompagnie auf den Küsten von Guinea gegründet. Sie sollte Ressourcen mobilisieren, um an der afrikanischen Küste mit Pfeffer, Elfenbein, Gold und Sklaven zu handeln. Mit weiteren Gründungen waren dies die ersten Unternehmen in der Form „echter“ Aktienvereine (vgl. Hadding, W. / Kießling, W.; Anfänge deutschen Aktienrechts: Das Preußische Aktiengesetz von 1843 – 2007). Hautnah verstanden, war das die Grundlage für Verbrauchervermögen.

Wege zum Erfolg von Vermögen mit Aktien

Unternehmen fußen auf dem einfachen Finanzierungssystem der Direktbeteiligung bei vollem Risiko der Investoren. Selten haben Unternehmer ausreichend Kapital, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Wenige Banken geben auf erste Anfrage Kredite. Um Geldgeber zu Miteigentümern eines Unternehmens zu machen, ist eine Win-win-Situation erforderlich, bei der Ideen umgesetzt werden. Neue Teilhaber profitieren vom Erfindungsreichtum und Unternehmergeist. In der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts sind so – zwei Jahrhunderte später – viele Unternehmen zu Weltmarktführern geworden. Siemens und General Electric sind Beispiele. Dieses Muster ist Grundlage für Aufstieg und ggf. Fall der meisten Unternehmen mit Geldgebern, die Mitunternehmer geworden sind.

Volkswirtschaftlich hat diese Form der Finanzierung Vorteile. Eisenbahngesellschaften wären in Amerika ohne die Gemeinschaftsfinanzierung einer Aktiengesellschaft nie konzipiert worden. Sie  haben aber Nutzen für die Volkswirtschaft gestiftet. Für Erfindungen gilt das ebenso. In anderen Ländern sind die Vorteile der Aktien für die Volkswirtschaft und das Verbrauchervermögen längst Allgemeingut. Wenn Deutschland zu wenige Aktionäre hat, gilt das in berufenen Kreisen als Skandal. Wenn Deutsche von präsenten Märkten in Aktien getrieben worden sind, verunsichert das die Mehrheit der Bevölkerung.

Beteiligungen

Wer sich mit Beteiligungen an virtuellen Sachwerten vom realen Leben entkoppelt, erntet Hohn und Spott.  Gewinnabhängige Wertpapiere werden von der Mehrheit in Deutschland als Glücksspiel empfunden. Hierzulande besteht Skepsis gegenüber den Kapitalmärkten. Aktien können – für jedermann zugänglich – anders als Gesellschafteranteile einer GmbH an Börsen gehandelt werden. Beträge von wenigen hundert Euro können angelegt werden. Wenige Anleger wollen ihr Geld auf unabsehbare Zeit binden.

In Amsterdam entstand die erste Aktienbörse. Wer Schiffspassage nach Indien nicht wollte, konnte dort seine Anteilscheine mit nicht vorher festgelegten Kursen anderen zum Kauf anbieten. Kursschwankungen können in jeder Sekunde zu realisieren sein. Wer vom Erfolg einer Unternehmung überzeugt ist, behält die Nerven. Schwankende Preise für Aktien ist Fluch und Segen zugleich. Viele wähnen sich bei skrupellosen Spekulanten, die den Kurs in beliebige Richtungen treiben – entkoppelt von Realitäten (vgl. Mohr, D. FAZ – 2018-11-24).

Wandel der Strukturen

Der Aktienmarkt ist nicht von der  realwirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Er entwickelt sich ähnlich der in den Unternehmen. Übertreibungen nach oben wie nach unten mag es  geben. Entwicklungen sind bei Aktientransaktionen ungewiss. Auf lange Sicht werden schlecht wirtschaftende Unternehmen nicht zu Kursraketen der Börse gehören. Unternehmen mit Gewinnen und Dividenden werden sich nicht zu „Pennystocks“ entwickeln.

Die realwirtschaftliche Kopplung von Aktien begründet sich in der Verbriefung an Unternehmen.  Jeder Aktionär ist Miteigentümer an Maschinen, Grundstücken und Patenten. Der Erfolg des Unternehmens bestimmt die Höhe seiner Dividenden. Auf einer Hauptversammlung kann –unabhängig von der Zahl der Aktien – der Vorsitzende des Aufsichtsrats mit den Stimmen aller Berechtigten gewählt werden (§ 101 AktG). Dieser ernennt seine Mitglieder. Andere Regelungen sind möglich (vgl. §§ 76 – 149 AktG zur Verfassung der AG). Der Aufsichtsrat ernennt die Mitglieder des Vorstands.

Beteiligungen

In Deutschland ist eine positive Empfindung zu börsennotierten Beteiligungen nicht ausgeprägt. Das Sparbuch wird bevorzugt, bei Bedarf Immobilien. Diese gelten als sicher. – weil sie keinen aktuellen Kurs ausweisen. Der wird bei Verkäufen von Grundstück, Haus oder Wohnung unwiderruflich ermittelt. Eigene Wertvorstellungen müssen dann an die Realität angepasst werden.

Die Rentenreform von 1957 bezog sich auf das Umlageverfahren. Mahner wie Ludwig Erhard scheiterten mit ihren Einwänden. Die junge Generation zahlte für die alte. Renten wurden so erhöht, dass sie als Lohnersatz ausreichen sollten. „Kinder kriegen die Leute immer“, war die erst nach 1969 bestreitbare Vorgabe. 1957 war das deutsche Volk begeistert und stattete CDU und CSU am 15. September 1957 zum einzigen Mal in der Geschichte mit einer absoluten Mehrheit aus: 50,2 Prozent der Zweitstimmen bei 88 Prozent Wahlbeteiligung!

Mit Zutrauen zum Kapitalmarkt wären andere Konstruktionen denkbar gewesen. In Großbritannien, den USA, den Niederlanden oder in Skandinavien wird dem Kapitalmarkt vertraut. Die Altersvorsorge erfolgt breit gestreut in Aktien vieler Unternehmen.  Wären die Beschäftigten der 50-er Jahre nicht ins Umlageverfahren eingestiegen und hätten sich am Kapitalmarkt engagiert, wären höhere Werte entstanden. In deutsche Standardaktien angelegt, wäre bei Rentenbeginn im Jahr 2000 ein solideres Vermögen – als eine an Geldwerten orientierte Rentenzusage – entstanden.  Wenn Aktienrenditen von 10 Prozent im Jahresdurchschnitt entstanden wären, hätten die Sparer hätte in diese kapitalmarktorientierte Form der Altersvorsorge weniger eingezahlt als herausbekommen.

Geldanlage

1976 hätten Beschäftigte zu einer weiteren kapitalmarktorientierteren Geldanlage bewegt werden können. Die Mitarbeitermitbestimmung hätte Erwerbstätige zu Eigentümern der Unternehmen gemacht. Sie könnten heute über deren Geschicke und Gewinnverwendung bestimmen. Heute halten nur sieben Prozent der Deutschen Aktienbesitz. Privatanleger spielen im Aktionariat deutscher Unternehmen keine Rolle. Die Mehrheit der Dax-Aktien ist heute im Besitz von amerikanischen und britischen Großanlegern, die Vermögen von Millionen Kunden verwalten.  Blackrock ist mit etwa sechs Billionen Euro ein Beispiel. Deutsche sparen weiter Geldwerte an. Monatlich 10 Milliarden Euro landen auf den Giro- und Tagesgeldkonten, fast sieben Milliarden in Versicherungsverträgen und drei Milliarden Euro am Kapitalmarkt.

Das System könnte umgestellt werden. Die Finanzkrise hat die Spaltung der Gesellschaft vertieft – durch die nicht vermeidbare Nullzinspolitik der Zentralbanken. Die Folgen können wir ahnen, wenn wir sie uns in einigen Jahren vorstellen können (vgl. Merz, F.; FAZ – 2018-11-24).

Fazit

Die Geldpolitik hat zu „null“ Zinseinkünften geführt. Millionäre haben keine Zinseinkünfte mehr, zahlen Negativzinsen. Die Inflationsrate beträgt Ende 2018 2,5 Prozent. Sparguthaben verlieren an Wert. Zentralbanken haben als Großanleger an den Kapitalmärkten die Kurse nach oben getrieben. Der Dax hat sich mit seinen dreißig Aktienpositionen seit dem Frühjahr 2009 verdreifacht.  Dies ist zu Lasten der Sparbuchsparer und zugunsten von Kapitalmarktanlegern und Immobilienbesitzern erfolgt. Für Deutschland ist die geringe Aktienverbreitung misslich. Sie ist von Einkommen und Vermögen abhängig. Reiche werden durch die Geldpolitik noch reicher, wenn sie nicht auf Geldkonten anlegen und Negativzinsen „erleiden“. Während die mittleren Einkommensbezieher unter dem Wegfall der Zinsen leiden, fällt Deutschland in Vermögensstatistiken zurück.

Aktien

Um Aktien zu kaufen, muss niemand Millionär sein. Sparpläne mit monatlichen Sparbeiträgen zeigen, dass Aktien eine günstige Anlageform sind. Banken und Sparkassen empfehlen in ihren Beratungen selten Aktien. Daran verdienen sie „nichts“. Aktien haben eine schwache Lobby. Vorschläge zu einer stärkeren Stellung liegen von der schwarz-grünen hessischen Landesregierung auf dem Tisch. Bundespolitisch haben sie keine sichtbare Wirkung entfaltet. Verbraucher loben Aktien, um den langfristigen Aufbau von Verbrauchervermögen zu gestalten.

Aktuelles Ziel von Wirtschaftswissenschaftlern aus der Bundesregierung ist die Beteiligung einer größeren Zahl privater Haushalte an den Kapitalmärkten (vgl. Merz ebda.). Es müssen nicht die iShares-Indexfonds (ETF) von Blackrock sein. Eine breit gestreute Aktienanlage in ETFs bleibt dennoch die beste Richtungsweisung.  Wer am Aktienmarkt  anlegen will, kann dies ohne Fondsgesellschaft und ETFs tun. Das haben die holländischen Kaufleute schließlich schon vor vierhundert Jahren hinbekommen.