Investmentclubs können den Kauf von Wertpapieren in der Gruppe zur Leidenschaft führen.           Geschichte von Aufstieg, Blüte und Niedergang von Investmentclubs in aufstrebender Zeit!.

Es gibt Jungen im Konfirmanden-Alter, die sich mit Aktien beschäftigen. Einige lesen regelmäßig eine Anleger-Zeitschrift mit Geschichten über Unternehmen aus aller Welt. Tipps, welches Wertpapier sich zu kaufen lohnen dürfte, werden „aufgesogen“. Hervorzuheben ist, wenn der Zugang zum  Frankfurter Börsensaal ermöglicht werden kann. Aktienkurse beschreiben wilde Kurven. Händler laufen in der Halle zu großer Form auf. Einen Besuch empfinden die meisten Deutschen als Vorhof zum Spielcasino. Jungs mimen bei diesen Vorgaben den Aktionär – beim Börsenspiel besagter Zeitschrift. Sie kaufen und verkaufen Wertpapiere zum Spaß an der Freude. Im Kern geht es um Geld – wenn auch nicht um das eigene. Informationen über börsennotierte Firmen werden zunutze gemacht, um zu erkennen, wie an der Börse günstig einzukaufen ist. Von diesen Ideen leben auch professionelle Fondsmanager.

Philosophien und Grundlagen des Arrangements zum Erwerb von Aktien

Ins Sparbuch verliebte Anleger halten die Börse für Glücksspiel und Anteile an Unternehmen für „Zocker“-Papiere. Es finden sich dennoch einige dynamische aus der Jugend Herauswachsende, die eines Tages den Entschluss fassen: Wir gründen einen Investmentclub. Was schon im Kreis von Erwachsenen außergewöhnlich erschien, ist es im Fall der „egozentrisch“ beurteilten Lehrlinge umso mehr (Winter, Th.; FAS). Die Frage bleibt im Raum: Ist das Egoismus und ist der nur schlecht? Das individuelle Ego nutzt auch den anderen. Das sagt nicht nur Adam Smith. 200 Jahre vor ihm wurde das schon von einem Deutschen bemerkt (Fronsperger, L. (1520–1575), Ulm – Militärexperte mit dem Titel „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“, aufgelegt in Frankfurt /Main in der „Companei“ von Sigmund Feyerabend, präsentiert auf der Frankfurter Buchmesse 1564). Die Entdeckung des Egoismus war das Thema, das die Grundlage einer bedeutenden Wirtschaftsstadt geschaffen hat, aus der „das Pflaster Gold ausschwitzte“.

Das o. b. Buch von Leonhard Fronsperger fand wenig Beachtung, obwohl er darin Thesen formuliert, die sich mehr als 150 Jahre später in der „Bienenfabel“ von Bernand Mandeville oder im „Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith wiederfinden. Beide Werke gelten bis heute als Grundlagen der modernen, liberalen Lehre von der Wirtschaft. Die Herkunft ihrer Verfasser aus dem calvinistisch geprägten Nordwesten Europas erschien Bestätigung für Max Webers These, dass der „Geist des Kapitalismus“ eng mit der Entstehung und Ausbreitung der Ethik des Calvinismus verbunden war.

Investmentsclubs

Gründungsakte für Investmentclubs von Jungbörsianern basieren darauf.  Damit es nicht bei den Gründungsakten bleibt, haben die Mitglieder in den letzten Jahrzehnten ihre ersten Anteile an Unternehmen erworben. Das können Aktien von Chemieunternehmen BASF, dem Autobauer BMW, der noch zu 7% des Gesamtumsatzes Reifen herstellende Continental AG, die sich aktuell aufspaltende AG von Thyssen sowie digitale Start-ups und bei gefühlter Unsicherheit ETFs sein.
In der Spanne der Jahrzehnte haben sich im Vergleich zu heute nicht nur die Werte in den Depots gewandelt – aus den ersten Gründern sind im Verlauf der Jahrzehnte Männer geworden, solche, die dem Abschluss ihres Berufslebens entgegensehen und andere die damit anfangen.

Viele Bürger der „Stadt und des Erdkreises“ interessiert das überhaupt nicht. Andere dagegen, vor allem Verwandte der Initiatoren von Investmentclubs, sind nach einiger Zeit für die Idee aufgeschlossen, mit Aktien privat Geld zu machen oder es zumindest zu versuchen. Was sich nicht erst seit 1990 verändert hat, ist die allgemeine Haltung gegenüber Aktien. Selbst in diesen Zeiten anhaltender Niedrigzinsen jammern viele Sparer über Nulldiät auf dem Sparbuch und „Mickererträge“ auf dem geliebten Festgeldkonto, anstatt den Zusammenhang von Risiko und Chancen – im Chinesischen das gleiche Schriftzeichen –  zu sehen und in Aktien oder Wandelanleihen zu investieren, die Anteile an Unternehmen verbriefen (vgl. Winter ebeda).

Techniken der Investmentclubs

In Deutschland sind nach den neuesten Zahlen etwa 19% der Anleger bereit Wertpapiere zu erwerben oder sich an Investmentclubs zu beteiligen. In andern Ländern Europas werden 40% überschritten. , Finanzieller Analphabetismus‘ ist der richtige Ausdruck für dieses Verhalten.
In Aktien- oder Investmentclubs kann das praktisch gelernt werden: Unternehmen und ihre Aktien sind zu analysieren, vielversprechende Kandidaten für das Clubdepot herauszufiltern und den Mitgliedern bei ihren Treffen vorstellen. Das private Analystendasein hat sich mit der Zeit stark verändert. Anfangs bezogen die Mitglieder ihre Informationen aus dem Bildschirmtext, aus Zeitungen mit Unternehmens- und Finanzteil wie der F.A.Z. sowie Wirtschaftsmagazinen, auf Papier verbreiteten Branchen-Newslettern und speziellen Anlegerzeitschriften. Charts mit den Kursverläufen haben die Clubmitglieder anfangs sogar manuell geführt und mit Bleistift eingezeichnet. Später kam „Börse online“ hinzu, um im Netz zu recherchieren (vgl. Winter ebda.).

Verluste haben Mitglieder auch erfahren. Während des Börsen-Crashs 1987 haben Clubs „in Panik“ viele Aktien verkauft – um nach einem halben Jahr zu sehen, dass sich die Kurse wieder erholt hatten. Der Lerneffekt konnte auch 20 Jahre später genutzt werden. Das Geheimnis des Erfolgs von Investmentclubs? Im Jahr 2007 wurde in Bankaktien nur noch beschränkt investiert – viel früher als Großanleger das taten, die heute noch mit viel Geld den Markt prägen und es den Kleinanlegern schwermachen. Die zunehmenden Regulierungen sind aktuell Gründe für Mitglieder von Investmentclubs diese aufzulösen. „Algotrader“, die per Software schneller auf kurzfristige Trends reagieren, zerstören die Chancen von Kleinanlegern.

Dennoch gibt es Ideen, die Jahrzehnte alt sind und heute greifen können. Zum Einstieg empfiehlt sich die Lektüre eines Aufsatzes von Oswald von Nell-Breuning aus dem Jahr 1953, der den Titel „Zur Überwindung des Lohnarbeitsverhältnisses“ trägt. Nell-Breuning war Jesuitenpater, Ökonom und gilt als Nestor der christlichen Soziallehre; 1991 ist er im Alter von 101 Jahren gestorben. Sein Ausgangspunkt ist die eklatante Ungleichheit in der Verteilung der Vermögen, die ihm aus christlicher Sicht ungerecht erschien. Die herrschende Lehre unter Gewerkschaftern und christlichen Sozialisten (so etwas gab es damals) wollte in den fünfziger Jahren mit einer aggressiven Lohnpolitik die Unterschiede zwischen Arm und Reich einebnen.

Arbeiter

Nell-Breuning schlägt den umgekehrten Weg vor: Macht die Arbeiter zu Kapitalisten. Das Stichwort dafür heißt: Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Die Arbeiter sollten Aktien besitzen. Damit werden sie am Wachstum und Gewinn des Kapitals einer Volkswirtschaft beteiligt. Das muss revolutionär geklungen haben. Aktien waren und sind Deutschen habituell fremd.

Fünfzehn Jahre nach Nell-Breunings Vorschlag machten sich die Idee einer Aktienrevolution auch die im „Verein für Socialpolitik“ zusammengeschlossenen liberalen Ökonomen Deutschlands zu eigen. Ihre Jahrestagung 1968 stand unter dem Rahmenthema „Lohnpolitik und Einkommensverteilung“. Nur wenn die Lohnpolitik mit wirksamer Vermögenspolitik gekoppelt werde, bestehe die Chance, die herrschende Einkommensverteilung wirksam zu verändern, formulierten die Wissenschaftler.

Christliche und liberale Denker waren sich einig, es müsse mit marktwirtschaftlichen Strategien möglich sein, die vom Markt erzeugte Ungleichheit der Menschen zu verringern. Als Instrument der Altersvorsorge fristen sie ein Nischendasein. Als Strategie der Verteilung zur Bereicherung der ärmeren Klasse wird sie nicht mehr verstanden. Die Gewerkschaften haben nie viel von Vermögensbildung gehalten: Ihre Funktionäre erhofften sich Machtgewinn eher durch aggressive Lohn- und Mitbestimmungsforderungen. Dass die Wirtschaft durch die Mitbestimmung gerechter geworden wäre, lässt sich nicht behaupten. Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde mit der Idee geflirtet, dass wir alle Aktionäre werden sollten. Nicht Investmentclubs, sondern die Telekom-Aktie schaffte es in kurzer Zeit, den Traum von der Volksaktie gründlich zu desavouieren.

Fazit

Die Deutschen sparen wie die Weltmeister, aber sie sparen schlecht, weil sie ihr Geld anders anlegen sollten. Inzwischen ist angesichts steigender Inflation die Rendite eines durchschnittlichen deutschen Depots, das Festgeld, Anleihen, Immobilien und Aktien enthält, sogar negativ.

Zum Vergleich: Während die Hälfte der US-Amerikaner ihr Geld in Aktien anlegen, empfinden „Deutsche“, dass Aktien riskant seien, Teufelszeug für Zocker laut Volksmund. Wer 1970 zu jedem Zeitpunkt in Aktien eingestiegen wäre, hätte nach 13 Jahren Gewinne erzielt, die an 10% p. a. heranreichen. Selbst eine Wette auf den Dax, kurz vor der Lehman-Pleite vor zehn Jahren abgeschlossen, wäre inzwischen positiv. Natürlich sind dabei nicht einzelne Aktien gemeint, sondern Investmentfonds, wie Investmentclubs gestaltete ETFs, die einen Aktienindex nachbilden und das Anlagerisiko streuen. Der „Geist des Kapitalismus“ ist eng mit der Entstehung und Ausbreitung der Ethik des Calvinismus verbunden. Es ist im Sinne bekannter Lehren für die meisten Menschen des deutschen Kulturkreises schwierig Egoismus und Ethik gleichzuschalten – um zum Schluss letztere mit der Moral zu verwechseln.