Lebensversicherungen sind die Altersversorgung für Faule. Waren die Anleger gut beraten?

Anbieter haben unter niedrigen Zinsen gelitten. Kunden mit Altverträgen profitieren.

Ändern sich diese Vorgaben jetzt? Mit einheitlichem Standardprodukt will die EU-Kommission den Durchbruch erreichen und den Binnenmarkt für Altersversorgung anstreben. Eine bessere Auswahl und mehr Harmonisierung will die EU-Kommission mit dem Entwurf für den neuen Standard erreichen. Ist der bisherige in großer Breite propagierte Versorgungsweg eine zweischneidige Geldanlage? Ist oder war der Kunde gut beraten sich einer Lebensversicherung anzuvertrauen?

Gut oder schlecht

Ob Lebensversicherungsverträge gut oder schlecht empfunden werden, hängt von dem Versprechen ab, das der Vermittler dem Versicherungsnehmer einst gegeben hat. Hat er die Police als Sparvertrag angepriesen, der in zwei Jahrzehnten mit Sicherheit 100 000 Euro abwirft, wird der Kunde durch die aktuell niedrigen Zinssätze jetzt enttäuscht sein. Hat der Versicherungsvertreter mit dem Argument geworben, dass für Sparer in Geldwerten während ertragreicher Jahre am Kapitalmarkt weniger herauskommt als mit frei disponierbaren Anlagen in Geld- und Sachwerten und in schlechten Jahren  mehr zu erwarten sein wird, gibt es für Versicherungsnehmer keinen Grund zur Klage auf seinem Weg zur Altersversorgung.

Neue Wege der Versorgung im aktiven Leben und später im Alter

Mit diesen beiden Perspektiven lässt sich auf die ersten Zahlen für das Jahr 2019 schauen, mit denen Versicherer ihre Kunden informieren. Axa, Alte Leipziger und Allianz haben als erste ihre laufende Verzinsung auf den Sparbeitrag der Policen liegt zwischen 2,6 und 2,9 Prozent fixiert.  Die Rechengrundlagen sind untereinander nicht identisch, da es keine einheitlichen Vorgaben gibt. Die Sparbeiträge werden durch Kostenbestandteile wie Vertrieb, Verwaltung, Todesfallschutz, Absicherung der Langlebigkeit gemindert, so dass der genannte Zinsertrag nicht der realen Beitragsrendite entspricht. Im Durchschnitt der Branche ist er angesichts niedriger Anleihezinsen noch vorzeigbar.

Dennoch wird immer wieder über die Krise der Lebensversicherung als Schutz oder Anlagemodell berichtet. Meist waren die Versicherungsnehmer bei den Vertragsabschlüssen nicht qualifiziert  beraten worden. Der Kunde hat selten den Unterschied zwischen der ersten und zweiten Verkaufsvariante verstanden. Viele Versicherungsnehmer sind deshalb enttäuscht. Die Versicherer selbst leiden auf andere Weise erheblich. Aufgrund der stark gesunkenen Zinssätze konnten sie die Geldbeträge nicht mehr zu höheren Zinssätzen anlegen, als sie ihren Kunden versprochen hatten.

EU-Kommission

Mit Erkenntnis dieser Problematik setzt die EU-Kommission zum „großen Wurf“ an und entwickelt 25 Jahre nach Schaffung des gemeinsamen Binnenmarkts den gesamteuropäischen Markt für Altersversorgung in großer Breite.

Wenn die Brüsseler Behörde ihren neuen Verordnungsentwurf für ein europaweites privates Produkt der Altersversorgung (PEPP nach den englischen Anfangsbuchstaben) einsetzt, soll es Auswahl für Verbraucher und in der Folge bessere Harmonisierungen geben. Das Europa-Parlament und die nationalen Regierungen haben sich in den „Trilog“-Prozess eingebunden. Dennoch ist bei den Lobbygruppen und Verbraucherschutzverbänden Skepsis zu vernehmen. Das grundsätzliche Ziel eines gemeinsamen Marktes oder standardisierten Produkts für Altersversorgung soll qualifiziert durchdacht und dann offeriert werden.

Inzwischen tasten sich Versicherer wieder an Aktien heran. Bei den risikofreudigsten sind Quoten um zehn Prozent üblich – was bei Finanzfachleuten  als zu niedrig empfunden wird. Dabei wenden sie sich von schlecht verzinsten Pfandbriefen, Schuldscheindarlehen und Staatsanleihen ab. Ergänzend kommen Investitionen in die Strom-, Gas- und Verkehrsinfrastruktur oder in Windkraftanlagen ins Spiel, die bei höherem Risiko bessere Renditechancen haben. Außerdem sind Lebensversicherer der Profiteur des aufsichtsrechtlich begründeten Teilrückzugs der Banken aus der Immobilienfinanzierung (vgl. Krohn, Ph., FAW – 2018-12-07).

Die Logik des weiteren Vorgehens

Die Logik des Binnenmarktes ermöglicht Anbietern von Produkten und Dienstleistungen höhere Skaleneffekte. Das erfolgt durch den Einsatz gleicher Produktionsverfahren. Dadurch können mehr Konsumenten erreicht werden. Das führt zu geringeren Kosten für die Verbraucher und zu überprüften Produkten mit hohen Standards. In der Altersvorsorge ist der Binnenmarkt noch nicht Realität. Britische Anbieter wie Standard Life und Clerical Medical haben mit anderen Vorsorgekonzepten zeitweise viele Vertriebspartner für sich eingenommen.

Solche Expansionsbemühungen sind mit höheren Kosten verbunden, weil in jedem Markt andere Regeln gelten. Die Kommission argumentiert, dass Vorsorgeanbieter durch fragmentierte Märkte gehindert sind die Risiken zu diversifizieren, Skaleneffekte zu erzielen und Innovationen zu erreichen. Die Brüsseler Behörde will Instrumente wie ein Gütesiegel, ein standardisiertes europaweites Produkt zu niedrigen Kosten und eine klarere Regelung zur Portabilität von Verträgen in andere EU-Mitgliedsländer vorstellen. Damit sollen Menschen mit internationaler beruflicher Laufbahn leichter für den Ruhestand vorsorgen können.

Regeln

Regeln wurden von der Kommission dafür geschaffen. Brüssel will verhindern, dass Verbraucher im Land des Vertragsabschlusses gewährte Steuervorteile verlieren, wenn sie im Verlauf ihres Lebens in ein anderes Land ziehen. Die Studie zeige, dass sich die Verwaltungskosten um ein Viertel senken ließen, wenn es einheitliche Regeln für die Vorsorgeprodukte gebe.

Wie lassen sich die Regeln einheitlich gestalten? Für die private Altersversorgung haben die Mitgliedstaaten unterschiedliche Regeln und Fördersysteme aufgebaut. Eine vollständige Harmonisierung erscheint unmöglich. Selbst in Deutschland stellt es sich als äußerst schwierig heraus, das in Teilen dysfunktionale Riester-Fördersystem zu reformieren.

Fazit

Die schwarz-rote Regierungskoalition in Berlin hat sich der Aufgabe einer Harmonisierung gestellt. Für Deutschland scheinen Anpassung und optimierte Renditegestaltung möglich. Einige Versicherer leiden mehr als andere. Wer in der Phase des Vertriebsbooms viel Neugeschäft abgeschlossen und dabei hohe Garantien versprochen hat, muss mit Vorwürfen rechnen. Wer zu Kunden großzügig war und hohe Anteile des Gewinns an Verbraucher ausgeschüttet hat, war dafür von Verbraucherschützern besonders gelobt worden. Das lässt sich nicht aufrechterhalten.

Fast alle Anbieter haben alternative Garantiemodelle entworfen, die weniger Kapital beanspruchen. Die Kapitalanlagen wurden diversifiziert. Noch Anfang des Jahrtausends hatten viele Versicherer hohe Anteile in Aktien investiert. Nach Absturz der Kurse im Neuen Markt drängte die Aufsicht die Unternehmen ihre Aktien zu verkaufen, bevor sie wieder an Wert aufgeholt hatten. Das ist eine Folge der Mechanik der Garantien: Weil sie dem Kunden jährlich gewährt werden müssen, reicht es nicht, wenn sie langfristig den Wert aufholen.

Der Weg

Der Weg muss ein anderer Sein: Obgleich der institutionalisierte Verbraucherschutz die Regulierung des Finanzmarktes durch die EU insgesamt gutheißt, ist auch er bei der Diskussion um die Produkt- und Vertriebsregulierung nach Gesichtspunkten des Verbraucherschutzes ausgeschert. Steuerliche und zivilrechtliche Unterschiede könnten nicht harmonisiert werden. Wie können deutsche Steuervorteile nach einem Umzug in die Niederlande weiter gelten? Der Binnenmarkt wird Wunschvorstellung bleiben, da Anbieter aus Ländern Mitteleuropas zurückhaltend mit einem Markteintritt nordeuropäischer Staaten bleiben werden.